Bezirksverband Spandau der Kleingärtner e. V.
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Verfasst am 31.08.2017 um 10:51 Uhr

Aus der Wissenschaft: Einheimische Pflanzen stärken die biologische Vielfalt in Städten

An der Humboldt-Universität zu Berlin befassen sich Wissenschaftler mit Fragestellungen der Biodiversität auf urbanen Extremstrandorten. Ein Ziel des Projektes: Erhöhung der Anteile einheimischer Pflanzen in den bestehenden Sortimenten. Auch Berliner Kleingärtner können mit dem verstärkten Einsatz einheimischer Pflanzenarten die Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt unterstützen und somit ihre Flächen zu einem wichtigen Teil einer "klimafesten" Stadt machen. 



Die gelben Polster des blühenden Mauerpfeffers und die  blauvioletten Blütenstände des Natternkopfs erzeugen einen ästhetischen Komplementärkontrast. Diese natürlich entstandene Pflanzengesellschaft am Straßenrand kommt mit den dort vorherrschenden extremen Bedingungen bestens klar. 

Seit der Konvention der Vereinten Nationen im Jahre 1992 zum Schutz der biologischen Vielfalt ist Biodiversität weltweit zu einem Begriff für ein hohes Gut der Menschheit geworden. Was aber ist Biodiversität? Und warum wird ihr ein solch hoher Stellenwert zugeschrieben?


Generell lässt sich Biodiversität (die biologische Vielfalt) definieren als Vielfalt von (1) Ökosystemen, (2) Vielfalt von Arten – darauf wird sie in der öffentlichen Diskussion häufig reduziert – und (3) die genetische Vielfalt. 


Zwischen diesen Skalenebenen finden zahlreiche dazugehörende Interaktionen statt. Untersucht wird die Biodiversität oft in Fallstudien. So kennen wir inzwischen geschätzt 98 Prozent aller lebenden Säugetiere, 90 Prozent der lebenden Pflanzen, aber nur einen Bruchteil der Wirbellosen und Insekten.


Bedeutung der biologischen Vielfalt

Die Interaktionen zwischen Organismen eines Ökosystems sind vielfältig und viele von uns nicht wahrgenommene Organismen vollbringen wichtige Leistungen innerhalb des Ökosystems. Allein der Wert der Bestäubungsleistung der Insekten, von der viele landwirtschaftliche Produkte abhängen, wird deutschlandweit auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt.


Ein Rückgang der biologischen Vielfalt kann unmittelbare negative Auswirkungen auf den Menschen, die Wirtschaft sowie die Gesellschaft haben. Ist es einmal zu einer Reduzierung gekommen, kann diese vom Menschen oft gar nicht oder nur mit großem finanziellen und technischen Aufwand kompensiert werden. Nicht vergessen werden darf auch die ethische Verpflichtung zur Achtung der Natur. Wir stehen in einer Verantwortung für die nachkommenden Generationen.


Der Schutz der Biodiversität erfolgt in vielen Fällen ex situ, also in Genbanken, botanischen und zoologischen Gärten, Sammlungen usw. Es gibt unter Wissenschaftlern einen weitgehenden allgemeinen Konsens, dass auch In-situ-Strategien (unmittelbar am Ort) zum Schutz der Vielfalt entwickelt und genutzt werden müssen.


Biologische Vielfalt im urbanen Raum

Einen besonderen Fall stellen urbane – also städtische –  Naturflächen dar. Hier besteht ein ambivalentes Verhältnis zwischen der biologischen Vielfalt und dem urbanen Raum per se. Zwar bieten strukturreiche Städte oft Rückzugsräume für Tier- und Pflanzenarten, bei zu starker Fragmentierung beziehungsweise zu kleinen Flächen kann dieses aber oft nicht zum Überleben wichtiger Arten reichen. Dazu kommt, dass die städtischen Grünstrukturen oft starken ökonomischen Zwängen unterliegen und daher eher pflegearm und wenig vielfältig angelegt sind. Auf der anderen Seite bestimmen Grünstrukturen wesentlich die Lebensqualität in Städten mit. Eine Beurteilung urbaner Zentren in Bezug auf die biologische Vielfalt fällt aus diesem Grunde schwer. Im Einzelfall müssen Entscheidungen in einem Abwägungsprozess zwischen städtebaulichen Anforderungen, ökonomischen Rahmenbedingungen und Naturschutz getroffen werden.


Spontanvegetation auf sehr trockener, windexponierter und stark besonnter Böschung am Wegrand – Basis für die Entwicklung von optisch ansprechenden, gebietsheimischen Saatgutmischungen für Extremstandorte in der Stadt (hier: Färberkamille, Schafgarbe und Natternkopf). Fotos: Armin Blievernicht

Kleingärtner können biologische Vielfalt fördern

An der Humboldt-Universität zu Berlin beschäftigt sich das Fachgebiet Urbane Ökophysiologie der Pflanzen, im Rahmen eines von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung geförderten Modell- und Demonstrationsvorhabens, mit Fragestellungen zur Biodiversität auf urbanen Extremstandorten, hier speziell Straßenmittelstreifen.


Das Sortiment der im städtischen Grün verwendeten Pflanzen besteht zum überwiegenden Teil aus nicht einheimischen Arten. Die Erhöhung der Anteile einheimischer Pflanzen in den bestehenden Sortimenten ist ein wichtiger Teil des Vorhabens. Dieses Ziel können unter anderem die Berliner Kleingärtner unterstützen - wenn sie sich für einheimische Pflanzen in ihrem Garten entscheiden. Besonders geeignet sind Mauerpfeffer, Färbekamille, Schafgarbe und Natternkopf. Dies führt zu einer Erhöhung der Biodiversität urbaner Räume nicht nur im Bereich der verwendeten Pflanzenarten, sondern sekundär auch in der nachfolgenden Entwicklung der Fauna. 


Einheimischen Pflanzen wird aufgrund ihrer genetischen Anpassung eine hohe Vitalität und Widerstandsfähigkeit gegen verschiedene Stressoren sowie Stressor-Kombinationen zugeschrieben. Dies kann bei der Pflanzenproduktion zu deutlich niedrigeren Kosten führen, wenn zum Beispiel höherer Trockenstress toleriert werden kann. Diese Vorteile bestehen auch bei der späteren Anpflanzung; höhere Stresstoleranz bedingt bessere Wuchsleistung, weniger Pflanzenabgänge und einen geringeren Pflegeaufwand.


Ein weiteres Ziel des Projekts ist die Verwendung von gefährdeten Pflanzenarten in den experimentellen Saatgutmischungen als Beitrag zum Florenschutz. Beispiele hierfür sind Sandgrasnelke und die Kornblume. So ist die Sandgrasnelke in Berlin noch weit verbreitet, jedoch haben - global gesehen - Deutschland und Berlin eine sehr hohe Verantwortung für die Erhaltung dieser Art. Durch die Kultur an den besonders extremen Straßenstandorten zeigen sich möglicherweise Ökotypen, die besonders gut an Salz- und Schadstoffstress angepasst sind. Ein Teil der ausgewählten Arten wächst schon jetzt natürlicherweise auf Straßenmittelstreifen, demnach können diese bei erfolgreicher Kultur als Ex-situ-Standorte betrachtet werden und damit zu einem größeren Wuchsgebiet der einzelnen Arten beitragen. Weiterhin kann durch ein langfristiges Konzept, dass die Begrünung an weiteren Stadtstandorten beinhaltet, ein Beitrag für den Biotopverbund geleistet werden. Ein genetischer Austausch zwischen den Arten innerhalb der Stadt und der umgebenden freien Landschaft würde so die aktuell bestehende, populationstrennende Barriere durch den Stadtkörper deutlich durchlässiger machen.


Mit biologischer Vielfalt zum "klimafesten" Berlin

Die Idee nicht nur einheimisches, sondern auch gebietsheimisches Pflanzenmaterial an städtischen Extremstandorten zu verwenden, wäre ein Baustein innerhalb der „Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt“, die der Senat im März 2012 beschlossen hat, und unterstreicht auch auf nationaler Ebene den politischen Willen zum Schutz der natürlichen Biodiversität. Denn ein größerer Anteil an stress-resistenter Vegetation wirkt etwa der straken Überwärmung von Städten ("urbane Wärmeinseln") und den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken entgegen.


Nicht zuletzt spielen auch wirtschaftliche und ästhetische Aspekte bei der Auswahl der Pflanzenarten eine Rolle. Die Anlage und Pflege der Straßenmittelstreifen mit den neuen Artenmischungen soll mit möglichst wenig technischem und finanziellem Aufwand verbunden sein. Gleichzeitig sind Formen, Farben und Blühzeitpunkte der einzelnen Arten aufeinander abgestimmt und sorgen so dafür, dass die Flächen für einen langen Zeitraum im Jahr optisch ansprechend sind.



Armin Blievernicht

Christian Ulrichs




Professor Dr. Christian Ulrichs und Armin Blievernicht gehören zum Team des Fachgebiets Urbane Ökophysiologie der Pflanzen am Albrecht-Daniel-Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und sie sind dort an mehreren Forschungsprojekten beteiligt.  


Projekt: Neue einheimische Gehölze durch Nutzung der biologischen Vielfalt - Begrünung von extremen Standorten durch einheimische Pflanzen mit großer Toleranz gegenüber urbanen Stressoren 


Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz